Mesdames et Messieurs,
für gewöhnlich schreibe ich keine Briefe, schon gar nicht an Sterbliche, wie Sie
es aller Voraussicht nach sind. Eigentlich hätte sich eine gewisse Gesa Schwartz
an dieser Stelle an Sie wenden sollen – doch bedauerlicherweise beschränken sich
ihre Fähigkeiten auf das Erzählen von Geschichten, und so bat sie mich, diesen Brief
selbst zu verfassen – denn immerhin soll es hier um mich gehen, beziehungsweise
um das Abenteuer, das in dem Buch „Grim. Das Siegel des Feuers“ erzählt wird – und
wer könnte zu diesem Thema mehr sagen als ich selbst?
Nun, Sie ahnen es vermutlich bereits: Mein Name ist Grim, Schattenflügler und Gargoyle,
derzeit ansässig in Ghrogonia, der Hauptstadt der Anderwelt weit unterhalb von Paris.
Vor noch nicht allzu langer Zeit suchte ich den einen Menschen, der meine Geschichte
erzählen kann (entgegen den Vorstellungen der Menschen gibt es für jede unausgesprochene
Geschichte stets nur einen Geschichtenerzähler, der für eben diese Geschichte bestimmt
ist) und fand ihn bzw. sie in Gestalt von Gesa Schwartz. Es war nicht leicht, sie
davon zu überzeugen, die Richtige für diese Angelegenheit zu sein, und es bedurfte
einiger Anstrengungen, um mein Ziel zu erreichen. Nächtliche Besuche in Träumen
Sterblicher sind seither meine Spezialität. Doch letzten Endes ist es mir gelungen
und – nun ja, das Ergebnis der Arbeit sehen Sie nun vor sich.
Vielleicht fragen Sie sich: Was soll ich mit einem Buch über Gargoyles, die hängen
mit dämlichen Gesichtern an Kirchen und haben außer Abwasserrohren für Regen nicht
viel im Kopf. Nun, dazu möchte ich zunächst sagen (und ich hoffe, dass Sie mir in
diesem Fall das vertrauliche du verzeihen): Du weißt so wenig, Menschenkind.
Ich
könnte nun von den außergewöhnlichen Charakteren und der noch-nie-dagewesenen Geschichte-an-sich
mit ihren Kniffen und Raffinessen berichten. Ich könnte auch das düster-romantische
Setting oder die spannende Beziehung zwischen Mia, meiner menschlichen Gefährtin
bei diesem Abenteuer, und mir selbst herausstellen, die Bezüge zu den Mythen der
Menschen, die Geheimnisse der Anderwelt, die magischen Seiten von Paris und Rom
oder den rätselhaften Städten, die tief unter den Metropolen der Menschen liegen
… Ich könnte auch den Stil der Autorin loben oder die Tiefe der Geschichte, die
den Leser wie bei einem Flug durch die Unterwelt von Paris in mehreren Schichten
abwärts gleiten lässt. Glauben Sie mir, ich könnte lange auf diese Art über meine
Geschichte sprechen. Doch ich werde es nicht tun. Denn vermutlich wurden Sie bereits
an anderer Stelle über die zahlreichen Faktoren informiert, die Ihnen meine Geschichte
als unvergleichlich und lesenswert anpreisen (was sie ohne Zweifel ist). Und da
ich kein Freund von Wiederholungen bin, erspare ich es Ihnen und mir, auf diese
Aspekte über den oben gezogenen Rahmen hinaus einzugehen. Stattdessen möchte ich
Ihnen ein Geheimnis verraten, und zwar gebe ich Ihnen die Antwort auf die Frage:
Warum habe ich mich entschlossen, meine Geschichte erzählen zu lassen?
Warum sollte ein Geschöpf wie ich, das sich seit Jahrhunderten vor den Menschen
verborgen hält, das sie verachten und fürchten sollte und in einer Welt voller Magie
und düsteren Geheimnissen zu Hause ist, von denen die Sterblichen nicht einmal eine
Vorstellung haben – warum also sollte ein solches Wesen sich dazu entschließen,
ans Licht zu treten? Die Antwort ist ebenso einfach wie erschütternd: für die Menschen.
Denn meine Geschichte birgt etwas, das den Menschen in ihrer abgehäuteten, funktionalisierten
Welt abhanden gekommen ist und das sie dennoch so dringend benötigen wie die Luft,
die sie umgibt. Es ist nur ein winziges Wort, und doch umfasst es so viel mehr als
alles, was Sie oder auch ich jemals begreifen werden. Dieses Wort lautet: Poesie.
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich sehne mich nach den Zeiten zurück, in
denen die Menschen noch wussten, dass es Elfen und Meerjungfrauen gibt, in denen
sie ihre kostbare Sterblichkeit mit Geschöpfen der Ewigkeit wie mir teilten und
in denen sie noch nicht in einer Wüste der Rationalität gefangen waren, die sie
blind machte für jedes Wunder und Geheimnis. Unter Ihren Füßen, direkt vor Ihrer
Haustür, bei jedem Schritt, den Sie tun, ist die Anderwelt ein Teil von Ihrem Leben,
ohne dass sie etwas davon wüssten. Ich habe viele Nächte vor den Fenstern der Menschen
verbracht, habe unzählige Gedanken und Erinnerungen gelesen, und wenn ich eines
über Ihr Volk genau weiß, dann dies: Die Menschen sehnen sich nach der Anderwelt,
die sie verloren, auch wenn sie ihren Namen vergessen haben – und auch die Anderwelt
sehnt sich nach den Menschen.
Unsere Welten sind eins. Doch den Zauber, der auf Ihren Augen liegt, kann nur einer
brechen: Sie selbst. Und daher fordere ich Sie auf: lesen Sie – nicht nur meine,
sondern überhaupt alle Geschichten, die Sie auf den Grund ihrer eigenen Träume und
Wünsche führen, Geschichten, die Sie lachen, weinen, schreien lassen – Geschichten,
die Sie lebendig machen und die Ihnen zeigen, dass mehr in der Welt steckt, als
das menschliche Auge auf den ersten Blick sieht.
Und wenn Ihnen die Geschichten eines Tages den Sand der wissenschaftlichen Aufklärung
aus den Augen gespült haben, wenn Sie eines Nachts erwachen und für einen Moment
glauben, eine steinerne Klaue hätte Ihre Wange berührt: Dann warten Sie nur. Ich
bin ganz in Ihrer Nähe …
Hochachtungsvoll,
GRIM