Be what you would seem to be – or, if you’d like it put more simply - Never imagine
yourself not to be otherwise than what it might appear to others that what you were
or might have been was not otherwise than what you had been would appeared to them
to be otherwise.
Lewis Carroll, „Alice’s Adventures in Wonderland“
Geboren wurde ich 1980 und ich begann schon sehr früh damit, Geschichten zu erzählen.
Mit knapp elf Jahren schrieb ich meinen ersten Roman (nun, oder sagen wir: das,
was ich damals für einen Roman hielt), dem eine ganze Reihe weiterer folgen sollten.
Das Schreiben war immer schon die eine Konstante in meinem Leben, und auch, wenn
ich nichts mehr wusste oder fühlte, war eines immer klar: Ich wollte schreiben.
Ich wollte Geschichten erzählen. Ich wollte den Figuren, die in den Finsternissen
meiner Gedanken zu mir durchdrangen, eine Stimme in dieser Welt geben. Vielleicht
ist es ein wenig so, wie Michael Ende in Jim Knopf schreibt:
Ein richtiger Lokomotivführer will Lokomotivführer sein und sonst gar nichts.Dieser
Satz sieht so leicht aus wie vieles, das der große Künstler Michael Ende geschrieben
hat – aber ihn zu begreifen, ihn wirklich auf das eigene Leben anzuwenden, zu verstehen,
dass es keine Alternative gibt, war für mich alles andere als einfach.
Wenn ich sage, dass ich schon immer geschrieben habe, ist das wahr – aber ich schrieb
nicht immer phantastische Geschichten. Lange Zeit glaubte ich nämlich, gar keine
Phantasie zu besitzen, und wenn doch, dann eine zu verworrene oder seltsame Art
von Phantasie, aus der sich unmöglich eine Geschichte weben ließe, die für andere
interessant sein könnte. Überhaupt glaubte ich nicht so recht daran, Schriftstellerin
werden zu können – vielleicht schämte ich mich ein wenig dafür, ganz in Tonio Krögers
Sinn mit seinem bürgerlichen Gewissen oder nach Goethe mit den zwei Seelen … Vielleicht
lag es an dieser Tatsache, dass alle Romane, die ich nach meinem ersten Versuch
mit elf Jahren verfasste, wohl am ehesten ins Genre der Hochliteratur einzuordnen
sind und keiner davon die letzte Hürde zur Veröffentlichung genommen hat. Wie auch
immer, jedenfalls habe ich nie ernsthaft versucht, nur zu schreiben. Als es dann
nach der Schulzeit darum ging, eine berufliche Richtung einzuschlagen, studierte
ich in Göttingen Philosophie und Deutsche Philologie auf Lehramt, um mein Leben
im bürgerlichen Rahmen dem zu widmen, was ich liebe: Literatur, Gedanken und Menschen.
Insgeheim habe ich wohl damals schon gespürt, dass dieser Weg nicht das war, was
ich wirklich wollte – aber den Mut, zu mir selbst zu finden, meine Träume zu erkennen
und nach ihnen zu leben – den hatte ich nicht.
Und dann geschah etwas, das mein ganzes bisheriges Leben in seinen Grundfesten erschütterte.
Am Heiligen Abend des Jahres 2004 starb mein Vater an den Folgen einer Krebserkrankung,
die wenige Monate zuvor diagnostiziert worden war. Es war nicht meine erste Begegnung
mit dem Tod. Kurz nach der Schulzeit nahm sich ein enger Freund von mir das Leben,
auch dieses Ereignis prägte mein Schreiben. Doch die Erkrankung meines Vaters, sein
Kampf gegen den Krebs, sein Sterben und schließlich sein Tod haben im Zusammenspiel
mit den Ereignissen, die daran anschlossen, die Weichen meines Lebens neu gestellt.
Denn der Tod meines Vaters war erst der Anfang einer schrecklichen Zeit in meiner
Familie, die innerhalb kürzester Zeit zahlreiche weitere Todesfälle verkraften musste.
Vermutlich erwartet man von einem Schriftsteller, der so etwas erlebt hat, eine
Bewältigung innerhalb seines Werkes, und vielleicht verarbeite ich tatsächlich auch
diese Erlebnisse auf die ein oder andere Weise mit meinen Geschichten. In erster
Linie jedoch haben diese Ereignisse mir eines gezeigt: Das Leben kann verdammt kurz
sein, und ich will mir nicht im Augenblick meines Todes eingestehen, dass ich nie
den Mut hatte, mein eigenes Leben zu leben. Wenn das Leben schon kurz und hart und
ungerecht ist – dann soll es wenigstens meins sein.
Diese Erkenntnis führte allerdings zunächst nirgendwo hin. Ich wechselte zwar von
Lehramt auf Magister, um mich noch stärker auf literarische und philosophische Fragen
konzentrieren zu können – aber ich schrieb einige Monate nach dem Tod meines Vaters
keine einzige Zeile. Es war, als hätte ich meine Stimme verloren.
Und dann, eines Nachts, als ich durch die Straßen einer unwichtigen Stadt ging,
tauchte der Anfang einer Geschichte in mir auf, so eindringlich und klar, dass ich
nicht anders konnte, als sie aufzuschreiben. Die Geschichte wuchs und wuchs und
nahm schließlich ihren Weg über Freunde und Testleser bis hin zu einer Agentur.
Nun wurde ich erstmals mit aller Härte mit dem Verlagsgeschäft konfrontiert. Die
Agentur konnte den Text leider nicht vermitteln. Zur Zeit dieses Rückschlags (der
sich in viele kleine Rückschläge aufteilte) befand ich mich gerade auf einer Reise
quer durch Europa, suchte die Wunder der Alten Welt und fand … nun, Geschichten
zum Beispiel. Mit wurde bewusst, dass ich zwar davon träumte, meine Geschichten
zu veröffentlichen, Leser für sie zu finden – aber der Grund für das Schreiben an
sich lag und liegt ganz woanders. Ich schreibe für die Geschichten. Sie sind es,
die zählen, sie sind es, die mir das Schreiben ermöglichen, ohne sie wäre ich nichts.
Diese Erkenntnis nahm mir eine gewaltige Last von den Schultern und kurz darauf
kam es, dass ein neues Bild in meinem Kopf erschien, noch ehe der Rückschlag mit
der vorigen Geschichte mich vollständig lähmen konnte: eine dunkle, steinerne Gestalt
mit gewaltigen Schwingen hoch oben über den Dächern von Paris. Langsam näherte ich
mich in meinen Gedanken dem Gesicht dieser Gestalt, es war das Gesicht eines Gargoyles,
eines Dämons, eines Engels – vielleicht von allem ein bißchen. Er sah mich an mit
seiner Narbe über dem rechten Auge und ein kleines Lächeln huschte über seine Lippen,
als er mir seinen Namen nannte. So lernte ich Grim kennen und gemeinsam mit ihm
begab ich mich auf eine Reise, die nach einem Agenturwechsel tatsächlich den steinigen
Weg bis in die Hände der Leser überwunden hat.
Zur Zeit lebe ich mit meinem Hund Fenris, einem tschechoslowakischen Wolfshund,
in der Nähe von Hamburg in einem Zirkuswagen. Hier schreibe ich an neuen Geschichten,
schaue zwischen den Absätzen manchmal hoch und denke erstaunt: Da draußen gibt es
Menschen, die meine Geschichten lesen, die mit meinen Figuren in jene Welten reisen,
die ich durch sie kennenlernen durfte, und vielleicht sogar Freude dabei empfinden.
Jetzt bin ich doch noch Schriftstellerin geworden und fühle mich kein bisschen schuldig
deswegen.
Ist das Leben nicht seltsam?